Goa:
Jonas reist durch Indien
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Ich hatte ja eigentlich vor, alleine quer durch Indien zu reisen, andere deutsche Freiwillige fuer ein paar Tage zu besuchen und mir ihre Einsatzstellen anzusehen. Ich habe dann 71 Mails verschickt und nach den ersten 15 Antworten (die nahezu alle sehr offen waren. Erstaunlich, wie viele mich sofort aufgenommen haetten) habe ich dann meine Route geplant und wollte fuer 6 Wochen in Indien unterwegs sein.
So schoen dieses Vorhaben auch klingt, so dumm ist es auch. Gluecklicherweise haben mich ein paar davon ueberzeugt, dass ein Weisser, der fuer 6 Wochen immer wieder vollgepackt alleine im Zug sitzt, nur eine geringe Chancen hat, mit all seinen Sachen wieder zu Hause anzukommen.
Also warf ich die Planung ueber den Haufen und wusste nicht, was ich tun soll und hatte Angst, alleine hier in Kodai zu verotten. Alle anderen Freiwilligen oder jungen Lehrer, die ich mag, reisen mit ihrer Familie oder ihrem Lebensabschnittspartner herum oder kehren einfach nur zu ihrer Familie in ein kleines Doerfchen oder aehnliches zurueck. Ich dachte, das wird mein einsamstes Weihnachten aller Zeiten. Gluecklicherweise hat mein bester Freund hier (Roy, mein Arbeitskollege) sofort gesagt: “Hey, komm doch einfach mit mir nach Kolkata.”, worauf ich antwortete: “Ja, cool, und lass dann gleich ueber Silvester nach Goa.” Eins, zwei, schwupp, beschlossen, gebucht, tadaaaaa, und ich sitze hier gerade am Morgen in Kolkata neben Roy, der noch nicht aufgewacht ist, an seinem Computer und schreibe den ersten Teil meines Urlaubsberichtes.
Fangen wir also an.
Am 2. Dezember fahren wir mit einem Bus in Kodaikanal los. Wir fahren vom spaeten Nachmittag bis zum fruehen Morgen des nachsten Tages. Viel Erwaehnenswertes gibt es von dieser Busreise nicht zu berichten, ausser, dass der Busfahrer zwei mal aus fuer mich zuerst unerklaerlichen Gruenden angehalten hat, bis mir Roy erklaerte, dass wir zwei mal an typischen hinduistischen Gebetsstaetten vorbeigefahren sind und der Busfahrer dort fuer mehrere Minuten gebetet hat.
Um 3.30 Uhr kommen wir also in Pondicheri an, wo Roy’s Freundin uns begruesst und mit einem Taxi zu sich nach Auroville bringt. Sie hat dort ihr kleines eigenes Haeuschen auf dem Grundstueck ihrer Mutter. Und Auroville ist ein Platz, wie ich ihn noch nie gesehen habe.
Es ist traumhaft idyllisch auf eine Art und Weise, wie man es sich nicht vorstellen kann, da es keiner typischen tropischen Vorurteils-landschaft aehnelt. Roter Sand, viele viele Baeume, eine Menge exotische Tiere, aber auch ne Menge Kuehe, eine Menge Peacocks, die immer herumschreien und wie fette Katzen klingen und vieles mehr. Es ist aber vor allem auch fuer indische Verhaeltnisse aeusserst sauber und Roy war ganz erstaunt, dass die dort so etwas aehnliches wie Muelltrennung haben.
Erstaunlich war auch das Account System:
Man konnte ueberall mit seinem Account aehnlich wie PrePaid bezahlen. Man muss nur seine AccountNummer angeben und seinen Namen und dann unterschreiben. Selbst wenn man kein Geld mit hat, kann man also ueberall etwas kriegen und notfalls mit Papis Account bezahlen.
Noch seltsamer aber als die Landschaft sind die Einwohner. Auroville ist naemlich so eine Art Hippiezufluchtsort fuer Europaer. Vor allem Deutsche und Niederlaender gibt es da eine Menge. Und die paar Restaurants und Strandbars haben auch gerne mal suedeuropaeisches Flair (Ich war total begeistert, als ich auf der Speisetafel Baguette las, leider servieren die das immer nur am Wochenende und wir waren dort nur fuer 3 Wochentage). Am Strand sieht man immer mal wieder Leute Joga machen.
Ich hatte mich prompt wohl gefuehlt. Doch dann haben wir am ersten Abend das Youth Center besucht.
Als wir dort ankamen, war ich zuerst hellauf begeistert. Es war wie im Film. Das Youthcenter sieht aus wie Nimmerleindsland, wenn Peter Pan ein Surfer gewesen waere. Holzhuetten, Baumhaueser Surfbretter etc und es wurde sofort fuer die Allgemeinheit Essen zubereitet. Es ist voller junger (weisser) Leute und alle sprechen in einem Mix aus Englisch, Deutsch, Franzoesisch und Holland- und Schweizerdeutsch, lachen und haben Spass. Doch versuche mal, als jemand, der nicht zur Auroville Community gehoert, an diesem Spass teilzuhaben. Gegenueber Fremden ist diese naemlich auesserst unfreundlich. An einer Kommunikation teilzuhaben ist nahezu unmoeglich, geschweige denn, eine zufzubauen. Selbst, oder gerade, wenn sich jemand auf Deutsch unterhaelt. Am praegnantesten war der eine Satz, der fiel, nachdem ich mich versucht habe, in eine Diskussion einzuklinken. Zwei junge Maenner haben sich auf Deutsch unterhalten und als sie kurz nichts gesagt haben, meinte ich: “Oh schoen, ihr sprecht Deutsch, da kann ich mich beteiligen.” Worauf hin der eine sehr patzig und kurzatmig sagte:”Ja aber wir sind ja keine richtigen Deutschen, sondern nur auf dem Papier.”, sich umdrehte und die Diskussion beende. Mir blieb dann nicht anderes uebrig als “OK, ‘tschuldige.” zu antworten, woraufhin ein Mix aus Brummeln und “Ja” zurueckkam und er sich in ein Gespraech mit jemand anderen vertiefte. (Wohl nicht verwunderlich, dass ich keine Fotos vom YouthCenter gemacht habe.)
Gluecklicherweise sind wir dann schnell wieder abgehauen und haben zu viert eine eigene kleine private Party bei Roy’s Freundin geschmissen.
Wir blieben in Auroville fuer 2 ½ Tage und es war (bis auf das YouthCenter Erlebnis) wunderschoen.
Am Mittag des vierten Dezembers also fahren wir mit dem Taxi nach Chennai und haben Bammel, dass wir zu spaet ankommen, da das Ticket “16.30” sagt und wir um 16.00 Uhr immer noch im Taxi sassen. Wir kamen aber noch puenktlich an und warteten auf den Zug. Als dieser dann selbst fuer indische Verhaeltnisse aeusserst spaet war, wurden wir nervoes, ob wir vielleich doch zu spaet waren, bis Roy aufschrecke, als er auf sein Ticket schaute. Es hat naemlich irgendwer irgendwas auf sein Ticket mit Kuli draufgekritzelt und man konnte nichts erkennen ausser in der Mitte “22.30”.
Ich stoehnte auf, das haette er auch schon frueher bemerken koennen. Wir fragen also am Schalter (wenn man das so nennen kann) nach und tatsaechlich: Wir sind viel zu frueh. Kurzerhand geben wir unser Gepaeck in die Obhut des Gepaeck-aufbewahrungsraums-Waechters (oder wie auch immer) und fahren mit einer Rickshaw in die “Spencer-Mall”. Dort hatten wir den ersten richtigen Burger nach einer langen langen Zeit bei Kentucky Fried Chicken. Das war herrlich. Wir wandern ein wenig herum (Ich kaufte noch ein Calvin und Hobbes Buch sowie eine Sonnenbrille) und dann war es auch schon 20.00 Uhr. Wieder mit einer Rickshaw zurueck zum Bahnhof und in eine Bar in der Naehe des Bahnhofs. Nach einem Whiskey gehts dann also zum dritten Mal am diesen Tag zum “EGMORE” Bahnhof in Chennai und nun warten wir wirklich auf den sich verspaeteten Zug, um einen Abend, zwei Naechte, einen ganzen Tag und einen Morgen in einer kleinen Liegekabine zu verbringen.
Die Zugfahrt war genauso, wie man sie sich vorstellt. Man liegt in seiner klitzekleinen Kabine und nach einer langen langen Zeit voller Ruecken- und Halsverspannungen fragt man sich zum 3000. Mal an diesem Tag, ob man Musik hoeren, lesen oder aus dem Fenster schauen soll. Aber immerhim, fuer eine dieser Sachen entscheidet man sich irgendwann immer.
Endlich angekommen, schleppen wir eine unertraeglich lange Zeit unser Gepaeck durch den Bahnhof und wimmelten gefuehlte 100 Maenner ab, die unser Gepaeck fuer uns tragen wollten. Diese Maenner verlangen dann immer eine Unmenge Geld, abgesehen davon, dass sie total schnell sind und, wenn man nicht selber schnell genug hinterherhechtet, sieht man sein Gepaeck nie wieder. Das Abwimmeln ist gar nicht mal so einfach, da diese sehr hartnaeckig sind und auch versuchen, einem einfach das Gepaeck einem aus der Hand zu nehmen. Wir haben es aber geschafft und waren erleichtert, endlich im Taxi zu sitzen.
Roy hatte mich aber schon vorgewarnt: Die Behausung ist nicht gerade luxorioes. Und das ist noch nett ausgedrueckt. Aber ich komme schon zurecht (keine Angst, Mama und Papa!!).
Roy’s Vater hat schon den gesamten Kolkata Trip, sich selber als Rundfuehrer, fuer mich geplant. Am ersten Tag ging es auch schon los und wir besuchten einen Gottedienst in der Kirche, an der wir auch Weihnachten sein werden. Aber, oh Mann, das ist keine normale Kirche. Zuerst war ich hellauf begeistert, weil es so losging wie in den Filmen, in denen schwarze Gospel-Kirchen zusammen aufstehen, tanzen uns singen. Das war richtig cool.
Der gesamte Gottesdienst ist eigentlich ein Zusammenspiel zwischen der Menge und dem Priester (oder was auch er auch sein mag). Ein Mann im Anzug, der herumschreit und immer wieder “HAAAAllelullia” aus der Menge zurueck kriegt. Das war wirklich wie im Film: Er: “Praaaaaaise the lord”, Menge: “Hallellullia” “LIVE ...” “Oh yeah” “... in the LOVE ...” “Yes, yes, sir” “...of the GREAT GREAT ...” “Amen, amen” “... one, the one who LOVES ...” “You say it!” “...ALL OF US...” “AMEN!!” “...As lonnnng ...” “Oh yes!!!” “...as we PRRRRAY!...” “AMEN!!!” “...The Gooood of all...” “Yes, yes!” “...and his SONNN ...” “Amen!!” “JEEEEESUUUUS CHRIST!!!” “HAAAAAAAAAAALLELLULLIA!!!!!!”
Irgendwann habe ich echt Angst gekriegt, wenn um mich herum die Menschen mit erhobenen Amen weinend stehen, schreien und herumspringen, waehrend vorne ein Mann schreit und singt und alle herumwippen. Dieser Enthusiasmus steigerte sich selbst aufs Hefstigste. So cool die Lieder auch waren (die mit einer auesserst guten Rockband und richtig guten Saengern begleitet wurden) und so ansteckend die Musik auch war, ich konnte es nicht geniessen und war froh, dort wieder raus zu sein. Zum Glueck meinte Roy’s Vater, dass der Weihnachtsgottesdienst formeller sei.
Ich als nicht gerade christlicher Mensch, der sich gerne als “Agnostiker” bezeichnet, fuehlte mich echt nich wohl.
Nach indischem Mittagessen, hat er mich, Roy und Aaron, ein Freund Roy’s, herumgefuehrt und mehrere Kirchen etc gezeigt. Ausserdem waren wir im “MotherHouse”, in dem Mutter Theresa gelebt und gestorben ist. Ich konnte mir ihr Zimmer ansehen, das nach ihrem Tod nicht mehr veraendert wurde, und ausseredem ist in diesem Haus auch ihr Grab, das wir besuchten.
Der Tag war anstrengend aber sehr erfahrungsreicht und schoen, doch Schlaf und Ruhe war uns nicht gegoennt. Denn als wir nach Hause kamen, hatten wir keine 20 Minuten Zeit, bis wir wieder aufbrachen, da Roy’s kleine Schwester ein Chorkonzert hatte. Und der Chor war unglaublich gut!! Er hat nur populaere Sachen gemacht aber das war unfassbar. Sie hatten ein paar Solosaenger, die alle fuer sich unglaublich gut waren, vor allem aber der Hauptsolist, der eine unglaublich geile Stimme hat! Sie haben sogar High Shool Musical gesungen. Dann zum Schluss meinte der Chorleiter: “Das naechste Stueck ist ein Experiment, da keiner von uns, noch nicht mal ich, Noten lesen kann.” Und dann haben sie eine Variation von Mozarts “Ave Maria” gesungen. Und du meine Guete, das war grausam!!! Kein Ton traf, jedoch jeder war unertraeglich laut und dann durch die Mikrophone auch noch verstaerkt. Und wie das so ist, kommt zu viel in ein Mikrophon, uebermatschen sich die Frequenzen und es wird nur noch unertraeglicher. Das war so, so schade.
Zum Glueck haben sie mit der Zugabe “Rocking around the Christmas Tree” wirklich alles wieder gut gemacht.
Nach diesem Open Air Konzert mit einer guten Bar war dann der Tag wirklich zu Ende und Roy und ich sind erschoeft ins Bett gefallen.
Und nun ist es auch schon der naechste “Morgen” (12:51 Uhr) und mal sehen, was uns erwartet. Sobald ich mal Internet habe, kann ich dieses hochladen, doch ich weiss nicht, wann das sein wird.
Bis dahin, alles Gute und bis zum naechsten Bericht.
Euer, Ihrer und dein Jonas!
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